Ein venezuelanisch-deutsches Bier

Was ich an der „Bierwelt“ am meisten liebe ?

Alle Menschen, die ich bis jetzt in der Bierwelt kennen lernte, leben mit der gleichen Leidenschaft und Liebe zum Bier und teilen diese auch gerne. Es ist so, als bekämen wir je mehr wir geben immer mehr zurück. Am 6.November 2016 braute ich mit Udo Meeßen ein venezuelanisch-deutsches Bier und wir bewiesen damit, dass Grenzen nur in unseren Köpfen existieren.

  

Die Vorgeschichte dieses Brautages ist einfach wunderbar und ich liebe es, sie mit Ihnen zu teilen. Alles begann im Jahr 2015 als ich meine Reise nach Deutschland plante. Über social Media trat ich in Verbindung mit vielen Menschen in der Bierwelt und darunter war auch Udo, der mir sagte dass ich ihn wissen lassen soll, wenn ich nach Deutschland komme. Schon 2015 beschlossen wir nämlich, dass wir gemeinsam brauen wollten. Also meldete ich mich bei ihm als ich Anfang 2016 nach Deutschland kam. Aber wie das so ist im Leben und mit dem Schicksal, es schien als kämen wir nicht zusammen. Wir schafften es nicht, einen Termin für einen Brautag festzulegen. Das Ganze wurde noch dadurch erschwert, dass ich irrtümlich glaubte, er wohne in Hamburg und das war sehr weit weg von meinem Wohnsitz. Letztendlich sagte ich mir, dass es geschehen würde, wenn es geschehen sollte und am Ende geschah es dann auch wirklich und ja, es hat sich gelohnt.

Am 2.November reiste ich nach Oberursel um Freunde zu besuchen und als ich in Bad Homburg am Bahnhof wartete, blickte ich auf die Karte des regionalen Personenverkehrs und sah, dass eine der Stationen der Ort war, den Udo mir vor langer Zeit als seine Adresse genannt hatte… und das war nicht in Hamburg, sondern in der Nähe von Bad Homburg. Ich konnte es kaum glauben und war völlig aufgeregt. Ich schrieb ihm sofort, wie nah ich war. Und er antwortete, schrieb dass der kommende Sonntag ein toller Tag zum brauen wäre und er mich sogar in Oberursel abholen könne. Meine Eltern sagten mir immer: „Emily, bitte rede nicht mit Fremden.“ … Aber ich liebe es, das zu tun. Ich muss gestehen, dass ich am Samstag dann doch ein wenig Angst hatte. Die Tatsache, dass ich in einem fremden Land in das Haus eines mir vollkommen fremden Mannes gehen wollte, erschreckte mich ein wenig. Aber mein Wunsch mit Udo zu brauen war stärker als diese Angst.

Und dann holte er mich am frühen Sonntag Morgen ab und die Angst verflog. Am Ende war es eine der besten und schönsten Erfahrungen meines Lebens und ich danke Udo und seiner Familie für die Gastfreundschaft.

 

Die Karte des Hauptbahnhofs.

   

 Sein Kontrollraum und seine kleine, aber große Handwerksbrauerei.

Udo Meeßen begann während einer persönlichen Krise mit dem Brauen. Er war Workoholic und arbeitslos. Arbeitslos zu sein ist für einen Workoholic das Schlimmste überhaupt und Udo fiel immer tiefer in eine schwere Depression. Er erzählte mir, dass seine Frau versuchte ihm zu helfen und erkannte, dass er irgendeine Beschäftigung benötigte um nicht verrückt zu werden. Also fragte sie ihn, was er tun wolle. Ich denke, das ist eine wichtige Frage, die wir uns immer wieder, nicht nur in Krisen stellen müssen. Und er antwortete spontan „Bier brauen, das wollte ich schon immer.Sie gab ihm das benötigte Geld aus dem „Notgroschen“ und er kaufte sich die erste Grundausstattung und die Zutaten zum brauen und eine wunderbare „Karriere“ als Hobbybrauer nahm ihren Lauf. Er nennt sich „TrashHunter“. Mit diesem Namen ist er in der Heavy-Metal-Szene schon sehr lange bekannt und als TrashHunter wurde er auch bei den Hobbybrauern bekannt.  Und irgendwie passt TrashHunter auch zu seiner Art, jeden Gegenstand den er in die Finger bekommt als mögliche Komponente seiner Heimbrauerei zu betrachten. Selbst ein ausrangierter Scheibenwischermotor kann verwendet werden. Kreativität spielt eine wichtige Rolle für ihn und seine Kreativität ist schier grenzenlos. Er schrieb zum Beispiel ein Buch um es anderen Menschen zu ermöglichen, in das Hobby des Brauens einzusteigen Ich lasse unten den Link dazu stehen, dort kann das Buch direkt beim Verlag bestellt werden- Ich muss gestehen, dass ich selber das Buch noch nicht komplett gelesen habe weil ich noch am Deutsch lernen bin, aber ich bin zuversichtlich, dass ich das bald kann. – Er gründete einen Stammtisch von Hobbybrauern, dessen Mitglieder sich regelmäßig treffen um gemeinsam die selbst gebrauten Biere zu verkosten. Dabei gefällt mir ganz besonders, dass sie oftmals ein Bier nach einem bestimmten Rezept als Hausaufgabe zuhause brauen und die Resultate dann gemeinsam verkosten und vergleichen um sich gegenseitig zu helfen und zu optimieren. Muss ich noch erwähnen, dass Udo auch auf Facebook in zahlreichen Gruppen rund ums Hobbybrauen aktiv ist ? 

 

 Und wie er sagt: Er hat sein Vermächtnis bereits der Welt hinterlassen, er hat sein eigenes Buch und er erschien in der Zeitung.

     

Ja, ich bin glücklich!

Er gab mir ein signiertes Exemplar seines Buches und 0,7 l Bier „Marteu Gaulois“ / „Galllischer Hammer“. Mit viel Körper, Bitterkeit, hoher Süße und mit 11% Alkohol.

Den gallischen Hammer brauen Udo und seine Braubrüder vom Hobbybrauerstammtisch einmal im Jahr gemeinsam während des Stammtisches im Juni.

     

Im letzten Bild verwende ich ein Refraktometer, mit dem ich die Menge der Zucker in der Bierwürze messen und deren Dichte berechnen kann.

An jenem Tag brauten wir ein Stout. Es ist dunkel, fast schwarz und hat einen starken Körper und dank der verwendeten Malze – darunter Röstmalz – kommt es mit Röstaromen daher. Wir brauten eine sehr beliebte Variation eines Stout, ein sogenanntes Haferstout (Oat Mill Stout) in welchem Hafer verarbeitet wird. Spontan nannte Udo das Bier „Emily Oat“. Wir begannen mit dem Schroten des Malzes, maischten, läuterten und kochten. Das komplette Programm bis hin zur Gärung. Das Rezept erstellte Udo selber mit den Malzsorten Wiener-Malz (Naheland-Mälzerei), Caraffa Spezial Typ II (Weyermann) und British Amber (Warminster Mälzerei). Vergoren haben wir das „Emily Oat“ mit der Danstar Belle Saison, einer belgischen Saison-Hefe für Starkbiere. Am Ende erhielten wir ein Stout mit 6vol% Alkohol und 70EBC auf der Farbskala.Weil der Brautag tatsächlich 8 Stunden dauerte und meine Zeit leider knapp war, erledigte Udo die langweiligste aber auch sehr wichtige Arbeit, die Reinigung der Brauanlage am Folgetag alleine. Die Abfüllung erledigte er dann zwei Wochen später auch alleine.

      

Wenn Sie in einer industriellen Brauerei gearbeitet haben und wollen dann ein Handwerkliches Bier machen, fragen Sie sich immer: Wie erreichen Sie den Schritt des Prozesses, wenn Sie nicht über die industriellen Geräte oder die Technologie verfügen? Und es stellt sich heraus, dass Kreativität bei Hobbybrauern grenzenlos ist. Er entwarf zum Beispiel mit Hilfe seiner Braubrüder sein eigenes System zur Steuerung des gesamten Maische-Prozesses mit Sensoren.

    

Faszinierende Details, die ich liebe:

Die Brüdenhaube seiner Würzepfanne, welche den beim Kochen entstehenden Wasserdampf durch ein Rohr nach draußen leitet, hat er selber aus einer Salatschüssel aus Edelstahl gebaut. Das Kühlsystem um die kochend heiße Bierwürze auf dem Weg in den Gärtank zu kühlen, hat er auch selber erdacht und gebaut.

Während wir brauten blieb genu Zeit um 5 verschiedene, von ihm gebraute Biere frisch aus seiner eigenen Zapfanlage zu verkosten. Wir ergründeten die sensorischen Eigenheiten und Aromen der Biere und er erzählte mir zu jedem Bier dessen Geschichte. Tatsächlich hat bei Udo jedes Bier eine ganz besondere Geschichte, einen individuellen Anlass.

Für mich war dieser Brautag mit Udo eine ganz besondere Erfahrung und es ist ein unvergesslicher Tag.

 

Udo erzählte mir auch ein wenig von der deutschen Bierkultur. Eine dieser Geschichten handelt vom typischen Glas der Dortmunder, dem Stößchen, dessen Volumen 0,2 lt oder 0,1 lt betragen kann. Es wurde verwendet, damit Leute ein frisches Bier schnell trinken konnten, während sie an den Schranken der quer durch Dortmund laufenden Zugschienen warteten und dadurch wurde es sehr populär.

   

Am Ende bliebt nur das Bier zu probieren, das wir gebraut hatten. Ich bin im Dezember zu Udo zurückgekehrt um es mit ihm zu verkosten. Und meiner Meinung nach war das Bier wirklich gut, der Körper war ausgewogen, man konnte den Flavor der Malz wahrnehmen, die Bitterkeit war perfekt und es hatte auch eine süße Spur: Es war ein waschechtes Stout! Udo gab mir sechs Flaschen davon mit und so konnte ich es mit Freunden in Deutschland und mit meiner Familie in Venezuela teilen und erhielt positive Kommentare.

Jetzt können wir sagen: Das Ziel wurde erreicht.

Fazit, der 6. November 2016, war einer der besten Tage meines Lebens und ich werde es nie vergessen. Ich danke Udo für alles.

PS: 30 Jahre lang hatte er kein Spanisch gesprochen und trotzdem konnten wir uns gut verstehen. Wir haben uns den ganzen Tag auf Spanisch, Deutsch und Englisch verständigt. Auf jeden Fall ein 100% kultureller Austausch.

Und zum Schluss … Die Brautipps:

  1. Kühlung ist eine fundamentale Stufe am Ende des Brauprozesses, sollte aber nicht abrupt erfolgen. Unbedingt: Sobald der Kochvorgang abgeschlossen ist, muss die Würze durch einen Whirlpool, welcher die Temperatur ein wenig fallen lässt und auch alle Proteine mit hohem Molekulargewicht und andere Rückstände (Klärung) – die wir nicht in der Gärung und im Endprodukt haben wollen von der Flüssigkeit trennt. Anschließend den Kühlvorgang bis zum Erreichen von 12 °C oder 20 °C je nach Bierart durchführen. Wir machen es auf diese Weise, weil wir nicht wollen, dass die Hefe einen Thermoschock in der Fermentation bekommt.
  2. Die erste Stufe des Brauprozesses ist das Maischen. Um zu überprüfen, ob die Stärke des Malzes vollständig in Zucker umgewandelt wurde, müssen wir eine Jodprobe machen.

Udos Leitfaden für Hobbybrauer, das Buch:

 Hobbybrauer | Udo Meeßen https://tredition.de/autoren/udo-meessen-12705/hobbybrauer-paperback-43465/

(Das Buch gibt es natürlich auch bei Amazon, aber Udo ist es lieber wenn es beim Verlag direkt bestellt oder im Buchhandel gekauft wird. Paperback: ISBN: 978-3-7323-2574-0 / eBook: ISBN: 978-3-7323-4562-5 )

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